Wie man ein Etikett liest: Dosierung, Füllstoffe, Siegel
Prozentangaben, Mischungen ohne Mengen, bunte Siegel: Was auf einem Etikett wirklich zählt und wie Sie den Preis pro Tagesdosis richtig berechnen.

Ein Regal mit Nahrungsergänzungsmitteln sieht auf den ersten Blick aus wie ein Wettbewerb um die größten Zahlen und die buntesten Siegel. Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Das Etikett verrät mehr über die Vermarktung als über den tatsächlichen Nutzen. Die entscheidenden Angaben stehen oft klein, sind bewusst unübersichtlich gestaltet oder fehlen ganz. In diesem Beitrag gehe ich mit Ihnen Schritt für Schritt durch die Angaben, die wirklich zählen: den Prozentwert hinter "NRV", sogenannte proprietäre Mischungen, die gängigen Prüfsiegel und am Ende die einzige Zahl, die ein ehrlicher Vergleich braucht, nämlich der Preis pro Tagesdosis.
Die Prozentangabe hinter "NRV" verstehen
Auf fast jedem Etikett finden Sie hinter der Mengenangabe eine Prozentzahl, meist mit dem Kürzel "NRV" oder der Bezeichnung "Referenzmenge". NRV steht für die Nährstoffbezugswerte, die europaweit festgelegten Referenzmengen für die tägliche Zufuhr. Ein Wert von "100 % NRV" bedeutet also, dass eine Portion genau die Menge liefert, die als Bezugsgröße dient, nicht etwa die ideale oder gar maximale Menge.
Diese Referenzwerte sind politische Kompromisswerte und keine individuellen Empfehlungen. Für Vitamin C liegt der Bezugswert bei 80 mg, für Vitamin D bei 5 µg (200 IE), für Zink bei 10 mg. Gerade bei Vitamin D zeigt sich das Problem: 5 µg sind ein sehr niedriger Bezugswert. Viele Fachgesellschaften arbeiten in ihren Empfehlungen mit deutlich höheren Mengen im Bereich von 20 µg (800 IE) täglich. Ein Produkt, das mit "400 % NRV" wirbt, liefert also 20 µg, was keineswegs übertrieben ist, sondern eine durchaus übliche Tagesmenge.
Umgekehrt sagen sehr hohe Prozentwerte, etwa "4000 % NRV" bei einem B-Vitamin, wenig über den Nutzen aus. Bei wasserlöslichen Vitaminen scheidet der Körper Überschüsse weitgehend wieder aus. Die hohe Zahl dient dann eher dem Eindruck von Stärke als einer messbaren Wirkung. Achten Sie deshalb immer auf die absolute Menge in Milligramm oder Mikrogramm und ordnen Sie den Prozentwert nur als groben Rahmen ein.
Proprietäre Mischungen: wenn die Mengen fehlen
Besonders kritisch wird es bei sogenannten proprietären Mischungen, oft als "Komplex", "Formel" oder "Blend" bezeichnet. Hier wird eine Gesamtmenge angegeben, etwa "Kräuterkomplex 500 mg", gefolgt von einer Liste einzelner Zutaten, ohne dass die Menge der einzelnen Bestandteile genannt wird. Das klingt nach einem Vorteil, ist aber vor allem für den Hersteller einer: Er muss nicht offenlegen, wie viel von der teuren Hauptzutat und wie viel von billigem Füllmaterial enthalten ist.
Ein Beispiel: Steht auf dem Etikett "Pflanzenkomplex 600 mg" mit den Zutaten Kurkumawurzel, Schwarzer Pfeffer und Reismehl in dieser Reihenfolge, so bedeutet die absteigende Reihenfolge nur, dass Kurkuma mengenmäßig vorne liegt. Es könnte sich um 550 mg Kurkuma und je 25 mg der übrigen Stoffe handeln, oder um 200 mg Kurkuma und 400 mg Reismehl. Das Etikett erlaubt keine Unterscheidung. Für eine seriöse Einschätzung der Wirksamkeit ist das wertlos, denn jeder Wirkstoff hat einen Bereich, in dem überhaupt ein Effekt zu erwarten ist.
Als Faustregel gilt: Ein Produkt, das seine Mengen offen und einzeln ausweist, hat in der Regel nichts zu verbergen. Verschleierte Mischungen sollten Sie skeptisch betrachten, besonders wenn der angeblich wertvolle Hauptwirkstoff ganz vorne beworben, seine Menge aber nicht genannt wird.
Füllstoffe und Zusatzstoffe richtig einordnen
Füll-, Trenn- und Fließmittel sind nicht grundsätzlich bedenklich. Sie erfüllen technische Aufgaben, etwa damit sich eine Tablette überhaupt pressen oder eine Kapsel befüllen lässt. Begegnen werden Ihnen unter anderem:
- Mikrokristalline Cellulose: ein pflanzlicher Füllstoff, der Volumen gibt. In üblichen Mengen unproblematisch.
- Magnesiumsalze der Speisefettsäuren (Magnesiumstearat): ein Trennmittel, das die Herstellung erleichtert. Die enthaltenen Mengen sind sehr gering.
- Siliciumdioxid: ein Fließmittel gegen Verklumpen, ebenfalls in kleinen Mengen.
- Maltodextrin oder Reismehl: preiswerte Füllstoffe, die mitunter dazu dienen, eine Kapsel größer wirken zu lassen, als ihr Wirkstoffgehalt es rechtfertigt.
Entscheidend ist das Verhältnis. Wenn eine große Kapsel überwiegend aus Füllmaterial besteht und nur einen kleinen Anteil Wirkstoff enthält, zahlen Sie für Volumen statt für Inhalt. Die Zutatenliste ist hier Ihr bestes Werkzeug, denn auch sie ist nach absteigender Menge geordnet.
Prüfsiegel: welche etwas bedeuten und welche nicht
Bunte Siegel vermitteln Sicherheit, doch nicht jedes steht für eine unabhängige Prüfung. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen gesetzlich geregelten Angaben, unabhängigen Prüfzeichen und reinen Eigenaussagen des Herstellers. Letztere, etwa ein selbst gestaltetes Qualitätslogo oder Formulierungen wie "laborgeprüft" ohne Angabe eines Labors, sagen wenig aus.
Aussagekräftiger sind Prüfungen durch unabhängige Stellen, die den tatsächlichen Gehalt messen oder auf Verunreinigungen testen. Manche Zeichen bestätigen etwa, dass der angegebene Wirkstoffgehalt im Produkt auch nachweisbar ist, oder dass keine unerwünschten Rückstände enthalten sind. Ein Siegel, das nur bestätigt, dass ein Produkt frei von bestimmten Zusätzen ist, sagt wiederum nichts über die Dosierung aus.
| Art der Kennzeichnung | Was sie aussagt | Was sie nicht aussagt |
|---|---|---|
| Nährwertangabe mit NRV | Menge je Portion, gesetzlich vorgeschrieben | Ob die Menge für Sie sinnvoll ist |
| Unabhängiges Prüfzeichen auf Gehalt | Angegebener Wirkstoff ist messbar enthalten | Ob die Menge wirksam dosiert ist |
| Prüfzeichen auf Reinheit | Keine untersuchten Verunreinigungen | Höhe oder Form des Wirkstoffs |
| Herstellereigenes Qualitätslogo | Im Wesentlichen nichts Überprüfbares | Nahezu alles Relevante |
| "Vegan" oder "ohne Zusatzstoffe" | Eigenschaft des Produkts | Dosierung, Gehalt, Wirksamkeit |
Lassen Sie sich von der Zahl der Siegel nicht beeindrucken. Ein Produkt mit einem einzigen, unabhängig vergebenen Prüfzeichen auf Gehalt und Reinheit ist meist besser belegt als eines mit fünf selbst gestalteten Logos.
Preis pro Tagesdosis statt Packungspreis
Der Packungspreis sagt wenig, solange Sie nicht wissen, wie lange die Packung reicht und wie viel Wirkstoff sie pro Tag liefert. Die aussagekräftige Größe ist der Preis pro Tagesdosis, und zwar bezogen auf eine vergleichbare Wirkstoffmenge. Rechnen Sie dafür in drei Schritten.
- Teilen Sie den Packungspreis durch die Zahl der Tagesportionen. Beispiel: 18 Euro für 90 Kapseln, bei empfohlenen zwei Kapseln täglich ergibt 45 Tagesdosen, also 40 Cent pro Tag.
- Prüfen Sie, wie viel Wirkstoff diese Tagesdosis tatsächlich enthält. Zwei Kapseln mit je 200 mg ergeben 400 mg täglich.
- Setzen Sie Preis und Menge ins Verhältnis. So wird ein Produkt mit 40 Cent für 400 mg mit einem für 30 Cent, aber nur 150 mg, vergleichbar.
Beachten Sie dabei auch die Form des Wirkstoffs, denn nicht jede ist gleich gut verfügbar. Bei Magnesium etwa gelten organische Verbindungen wie Citrat oder Bisglycinat als besser aufnehmbar als das preiswerte Oxid, das zwar viel elementares Magnesium liefert, aber schlechter verwertet wird. Der günstigere Preis pro Milligramm kann sich dadurch relativieren. Rechnen Sie im Zweifel mit der Menge des reinen Elements, die oft in Klammern angegeben ist, und nicht mit der Menge der Gesamtverbindung.
Das Wichtigste in Kürze
- NRV-Prozente sind nur ein grober Rahmen; entscheidend ist die absolute Menge in mg, µg oder IE.
- Proprietäre Mischungen verschleiern die Einzelmengen und erlauben keine Einschätzung der Wirksamkeit.
- Füllstoffe sind meist unbedenklich, doch ein hoher Füllanteil bei wenig Wirkstoff ist schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis.
- Unabhängige Prüfzeichen auf Gehalt und Reinheit zählen mehr als viele herstellereigene Logos.
- Vergleichen Sie den Preis pro Tagesdosis bei gleicher Wirkstoffmenge und berücksichtigen Sie die Form des Wirkstoffs.
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